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Verhaltensökonomik statt Modell-Schreinerei

Verhaltensökonomik Modell-Schreinerei


Warum sich die Wirtschaftstheorie vom Leitbild des „Homo oeconomicus“ verabschieden sollte

Düsseldorf/Berlin, 3. August 2009, www.ne-na.de - Nach einem Bericht der FAZ ist die Verhaltensökonomik auf dem Vormarsch: „Die Ergebnisse der Experimentalökonomen zeigen den Menschen von seiner allzu menschlichen Seite: Er ist von Gefühlen und Neigungen, nicht allein von der Ratio bestimmt. Neben dem Streben nach Eigennutz gibt es auch andere Motive, die sein Handeln leiten: Altruismus, Fairness- und Gerechtigkeitserwägungen“, schreibt die FAZ. Das Ziel der Verhaltensökonomik sei, eine allgemeine Theorie des menschlichen Verhaltens zu finden. „Die Demontage der neoklassischen Theorie ist überfällig. Sie geht immer noch vom ‚Homo oeconomicus’ aus, der sich strikt rational und eigennützig verhält. Die derzeitige Krise müsste jetzt eigentlich dazu beitragen, diese Rationalitätshypothese schnell aus der Welt zu schaffen“, so Udo Nadolski, Geschäftsführer des Düsseldorfer Beratungsunternehmens Harvey Nash.

Die Ökonomieprofessoren George Akerlof und Robert Shiller haben nach Auffassung des IT-Personalexperten Nadolski in ihrem Buch „Animal Spirits – Wie Wirtschaft wirklich funktioniert” (Campus Verlag) die richtigen Akzente gesetzt. Sie würden sich vom simplen Machbarkeitsglauben vieler Wirtschaftswissenschaftler abgrenzen. Unternehmer und Verbraucher seien keine emotionslos kalkulierenden Roboter, wenn sie sich von Moden, Gruppendruck und Massenhysterie beeinflussen lassen. Deshalb könne das ständige Auf und Ab der Wirtschaftskonjunktur nur ungenügend durch makroökonomische Maßnahmen gesteuert werden. „Akerlof und Shiller holen den Faktor ‚Ungewissheit’ wieder zurück in die Volkswirtschaftslehre, die immer noch glaubt, dass die Wirtschaft berechenbar sei und sich mehr dafür interessiert, an mathematischen Formeln zu feilen und die Beobachtung der Realität vernachlässigt“, führt Nadolski aus.

Das war bei den ordoliberalen Wirtschaftsdenkern ganz anders. Sie haben die angelsächsisch geprägte Mathematikgläubigkeit nie geteilt, bemerkt Dr. Gerhard Schwarz von der NZZ. „Aber genau diese Ökonomie wurde an den europäischen Universitäten ausgetrocknet“, kritisiert Schwarz. Während Modellschreinerei sowie das Zählen, Messen und Berechnen von Korrelationen Reputation und eine akademische Karriere versprechen, friste die Ordnungstheorie ein Dasein in den Elendsvierteln der Nationalökonomie. Dabei könnten wir ein Denken in Ordnungen gerade jetzt gebrauchen. Denn diese Wirtschaftstheorie widersteht dem Glauben an einer präzisen Vorhersagbarkeit und Steuerbarkeit der Wirtschaft. Die ordoliberale Sichtweise war immer viel breiter angelegt. „Sie hat Geschichte und Psychologie, Recht und Philosophie bis hin zur Theologie in die Analyse der Wirtschaft mit einbezogen, also nie nur Ökonomie betrieben. ‚Marktwirtschaft ist nicht genug’, wie der treffende Titel einer eben erschienenen Sammlung mit Aufsätzen von Wilhelm Röpke lautet“, so Schwarz.

Als Politikberater haben die Ordoliberalen derzeit keine guten Karten. Bei einer Diskussionsrunde der IHK-Köln räumte Walther Otremba, Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium , den Fachleuten für Ordnungspolitik nur einen geringen Stellenwert ein. Sein Ministerium brauche keine Glaubenssätze und Bekenntnisse zur Sozialen Marktwirtschaft. „Morgens Freiburg und abends Ludwig Erhard zu sagen ist wenig hilfreich“, sagte Ortremba. Vor der Wirtschaftskrise sei weder das, was formal arbeitende, noch das, was ordnungspolitisch ausgerichtete Wirtschaftswissenschaftler geleistet hätten, optimal gewesen.

Für den Berater Udo Nadolski ist die Geisteshaltung des Staatssekretärs nicht nachvollziehbar. „Ordoliberale wie Röpke formulierten keine Glaubenssätze, sondern verstanden die Wirtschaftspolitik als Staatskunst. Sie waren für Wirtschaftsminister Ludwig Erhard unverzichtbare Ratgeber für die Währungsreform 1948, für die Durchsetzung marktwirtschaftlicher Ordnungspolitik und sonstigen realpolitischen Fragen. Das waren keine Fachidioten, die sich hinter irgendwelchen Rechenmodellen versteckten, die niemals die komplexe und widersprüchliche Welt abbilden oder politische Krisen, bahnbrechende Erfindungen, Meinungstrends oder Katastrophen vorhersagen können“, kontert Nadolski.

Was die staatlich alimentierte Ansammlung von hochdotierten Kaffeesatz-Lesern in den Wirtschaftsforschungsinstituten hingegen leiste, sei doch eher bescheiden. „Die sind vielleicht formal super ausgebildet, versagen aber kläglich in ihrer Rolle als Prognostiker. Die gut 41 Millionen Euro, die nach dem Haushaltsplan des Finanzministeriums (S. 13 ff.) an die Institute der so genannten Blauen Liste fließen, könnte man auch auf dem Rummelplatz für Wahrsager ausgeben“, lästert Nadolski. Der Vorwurf mangelnder Internationalität an die ordnungstheoretische Denkschule in Deutschland kann von Adepten der „modernen“ ökonomischen Theorie nicht mehr in Feld geführt werden. Die Ökonomen müssten aus ihren Silos herauskommen und sich stärker mit der realen Welt auseinandersetzen, schreibt das Magazin „The Economist“.

Noch kritischer formulierte es Wolfgang Kasper, emeritierter Professor für Nationalökonomie der australischen Universität New South Wales, bei einer Expertenrunde der Hayek-Tage in Jena: „Die Neoklassik gaukelt ein Scheinwissen über eine Welt vor, in der politische Manipulatoren entscheidender Einfluss zugemessen wird, unerwartete, schädliche Nebeneffekte und Verzögerungen aber wegdefiniert sind“. Die VWL-Dünnbrettbohrer mit ihren ceteris paribus-Modellen würden fälschlicherweise Quantifizierung mit Wissenschaftlichkeit gleichsetzen. Die Modellschreiner und Makromechaniker bilden nach Ansicht von Kasper ein karriereförderndes Kartell. Lehrstuhlkandidaten, die Bürokraten und Ministeraktivismus kritisieren, hätten nur geringe Chancen im undurchsichtigen universitären Ernennungsdickicht. So etablierten sich Professoren, die sich mit ökonometrischen Gefälligkeitsgutachten und Expertenrat in den Dienst von Politikern und Ministerien stellen. Wichtig wären Denkfabriken, Universitäten und Medien, die nicht vom Steuermäzenatentum abhängig sind. Zudem brauche man eine Neuausrichtung der Wirtschaftswissenschaften: „Das neoklassische Gedankengut stammt aus der Ära der Großindustrie mit Massenproduktion. Heute machen maßgeschneiderte Dienstleistungen zwei Drittel bis drei Viertel der Wirtschaftsaktivität aus. Und hier ist dezentrales Wissen der wichtigste Produktionsfaktor“, sagte Kasper.

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